Vor dem Hintergrund der großen Stromausfälle der letzten Zeit fragen sich viele: Wie sicher ist die Stromversorgung in Frankfurt?
Zientek: Wir sind hier in Frankfurt in der hervorragenden Situation, dass wir gleich an zwei der vier deutschen Übertragungsnetze angebunden sind, nämlich einmal bei RWE und einmal bei E.ON Netz. Beide Übertragungsnetze arbeiten zwar im europäischen Verbund eng miteinander zusammen, stellen jedoch autarke Regelzonen dar.
Reicht denn die Anschlusskapazität für Frankfurt, um bei einem Teilausfall im überregionalen Zuliefernetz Strom aus anderen Netzbereichen zu beziehen?
Linder: Mainova unterhält insgesamt fünf Kuppelstellen zu den vorgelagerten Übertragungsnetzen. Die Kuppelstellen sind so dimensioniert, dass sie in etwa die doppelte Leistung des Normalbetriebs im Bedarfsfall übernehmen können. Damit sind auch Lastverlagerungen zwischen den einzelnen Kuppelstellen möglich. Wir sind beispielsweise in der Lage, bei einem Ausfall unseres Umspannwerkes Nord dessen Last zusätzlich auf das Umspannwerk Süd umzuleiten.
Zientek: Da wir gerade in die Hauptversorgungsstränge und auch in die Kuppelstellen zu den vorgelagerten Netzen investiert haben, sehe ich für Frankfurt auch in Zukunft eine sehr gute Versorgungssicherheit.
Wie ausfallsicher ist das innerstädtische Stromnetz?
Linder: Wir haben gewachsene Strukturen mit einer hohen Ausfallsicherheit. In der Stadt arbeiten wir auf allen Spannungsebenen mit einem Maschennetz, so dass wir durch Bereitstellung eines alternativen Leitungsweges immer in der Lage sind, etwaige Versorgungsunterbrechungen lokal zu begrenzen.
Mit welchen Ausfallzeiten müsste man in Frankfurt rechnen, sollte es doch einmal eine größere Störung geben?
Linder: Das kann im günstigsten Fall im Bereich von 10 Minuten liegen, im denkbar ungünstigsten Falle sprechen wir von bis zu zwei Stunden.
Sind die Mainova-eigenen Kraftwerke in Extremsituationen wie diesen Sommer eine Sicherheitsreserve?
Huber: In jedem Fall. Wir sind in der Lage, mit unseren Kraftwerken bis zu 2/3 des Strombedarfs von Frankfurt abzudecken, so dass Versorgungsengpässe kompensiert werden können. Bei überregionalen Großstörungen der Stromversorgung kann die Eigenerzeugung dazu beitragen, diese beherrschbar zu machen. Für den Extremfall sind wir darauf vorbereitet, Stadtteile in Versorgungsinseln aufzuteilen und diese von einem Kraftwerk aus direkt mit Strom zu versorgen. Dass dies tatsächlich funktioniert, haben wir bei den Vorbereitungsversuchen zum Jahreswechsel 2000 unter Beweis gestellt.
Linder: Auch für den äußerst unwahrscheinlichen Fall eines kompletten Blackouts kommt unseren Kraftwerken eine besondere Bedeutung beim Wiederaufbau der Stromversorgung zu. Um dies sicherzustellen, kann der Eigenbedarf - also die Startenergie, die das Kraftwerk benötigt - wahlweise aus einer eigenen Notstromanlage oder einem der beiden vorgelagerten Übertragungsnetze bezogen werden. Unsere Stromerzeugung vor Ort ist also ganz eindeutig eine Verstärkung der Versorgungsqualität am Standort Frankfurt. Als eine Schwachstelle in der amerikanischen Stromversorgung erwies sich die Leit- und Steuerungstechnik.
Könnten ein Computerwurm oder Hacker das Mainova-Netz lahm legen?
Linder: Auch bei der Leit- und Übertragungstechnik haben wir eine etwas andere Welt als in den USA. Aus Kostengründen haben die amerikanischen Versorgungsunternehmen keine eigenen Leitsysteme, sondern arbeiten zum Teil über das Internet. Wir hingegen steuern unsere Schaltanlagen über hausinterne Kommunikationsnetze, die sehr restriktiv abgeschottet sind. Wir unterhalten 136 Kilometer Lichtwellenleitertrassen und 2.018 Kilometer Kupferkabel, die ausschließlich der Steuerung und Überwachung unserer Stromversorgungsanlagen dienen. Der Datenaustausch hat also keine Berührung zum öffentlichen Netz, über das sich ein Internetwurm einschleichen könnte.
Fachleute befürchten,dass Kostendruck im Zuge der Liberalisierung der Energiemärkte zu sinkenden Investitionen und damit zu höherer Ausfallanfälligkeit der Stromnetze führt. Wie sehen Sie das für das Mainova-Netz?
Zientek: In den letzten beiden Jahren haben wir etwa 35 Millionen Euro in den gezielten Ausbau der Schnittstellen zum Übertragungsnetz investiert, neue Transformatoren eingesetzt oder leistungsfähigere Transformatoren aufgestellt. Und wir haben für etwa 5 Millionen Euro eine Hochspannungsleitung von der Kuppelstelle zum E.ON-Netz im Umspannwerk Südwest über mehrere Kilometer zum Kraftwerk West verlegt, um damit die Anbindung der vorhandenen Infrastruktur - aus der Frankfurt seine Versorgungssicherheit schöpft - signifikant zu verbessern. Wir werden auch künftig versuchen, diesen hohen technischen Standard beizubehalten, weil wir davon überzeugt sind und dafür arbeiten, dass Versorgungssicherheit auch in Zukunft ihren vernünftigen Preis hat. Der Politik und dem künftigen Regulator für den Energiemarkt ist spätestens nach den jüngsten Ereignissen bewusst, dass Netzentgelte und Versorgungssicherheit eng miteinander zusammenhängen.Von daher fahren wir jetzt nicht die Netzqualität herunter, sondern wir versuchen, durch intelligente Lösungen diesen hohen Stand der Versorgungssicherheit in Frankfurt zu halten.